Gedanken zum jahreswechsel


„WENN ICH LEBE“ - Gedanken zum Jahreswechsel

      Bevor der Tag für ihn zu Ende geht, schreibt der Herr Graf noch Tagebuch. Er sitzt auf dem knarrenden Stuhl und schreibt mit kratzender Feder, was er am Tag so erlebt und gedacht hat. Jeden Abend macht er das, der russische Graf Leo Tolstoi (1828-1910). Manchmal schreibt er nur ein paar Minuten, auch mal eine Stunde, immer bei Kerzenlicht. Wenn er fertig ist, hört er nicht auf mit Schreiben. Nochmal taucht er die Feder ins Tintenfass und schreibt das Datum des nächsten Tages. Dann noch drei Buchstaben unter das Datum von morgen: „W. I. L. - die Anfangsbuchstaben eines kleines Satzes. „W. I. L.: „WENN ICH LEBE.“ Das ist ihm wichtig. Erst jetzt geht er schlafen. 

      „WENN ICH LEBE.“ Wir wissen gar nicht, wie das Leben weitergeht, soll das heißen. Wir wissen nicht, ob wir morgen oder übermorgen noch leben. Wir haben keinen blassen Schimmer, was im neuen Jahr so alles sein wird. Wir haben Wünsche, ja, und wir machen Pläne. Aber wissen können wir gar nichts über die nächsten Tage, Wochen und Monate. Wer hätte am Anfang dieses Jahres 2020 wohl ahnen können, dass im Grunde die ganze Welt zum Stillstand kommen würde?!

      Bereits der alte Tolstoi weiß um die Zerbrechlichkeit des Lebens. Darum will er vorsichtig sein, bevor er einschläft. Er will sich am Abend des Tages, am Abend des Jahres auch, wie in Gottes Arme legen und sagen: „So Gott will und ich lebe“ (Neues Testament, Jakobusbrief Kapitel 4, Vers 15). 

      Vorsicht täte oft gut. Manche leben ja, als lebten sie immer und ewig. Da ist keinerlei Vorsicht, kein Zweifel und keine Zurückhaltung. Es werden Pläne gemacht über Jahrzehnte, es werden große Schulden gemacht, der Streit mit den Kindern bleibt ungelöst und ein Testament gibt es schon gar nicht. Dass man auch sterben kann, soll nicht in Kopf und Herz. Nur andere sterben, man selbst nicht. Natürlich ein Irrtum.

      Hilfreicher ist, man sagt sich manchmal: So Gott will und ich lebe. Oder macht es wie Leo Tolstoi und sagt zu sich selbst: WENN ICH LEBE. Vielleicht erschrickt man dann zuerst, das kann sein. Beim dritten Mal aber erschrickt man schon nicht mehr so sehr, glaube ich, sondern wird ruhiger. 

      Ja, wir wissen gar nichts. Nichts ist sicher. In meinem Leben auch nicht. Also plane ich eher behutsam. Vor allem aber räume ich da ein wenig auf, wo Unordnung ist. Ich versöhne mich, wenn möglich. Ich vergesse nicht zu danken. Niemals. Ich versuche meine Lebenszeit mit möglichst viel Gutem zu füllen - wo immer es geht.

      Das wäre doch ein guter Vorsatz für 2021, oder?

      Martin Lenzer, Pastor